Wochenandacht

Zum Wochenspruch „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jesaja 43,1)“ schreibt Pfarrer Uwe Selbach.

„Wer bin ich eigentlich?“ – nur eine schöngeistige, philosophische Frage? Das könnte man meinen, wenn man an die „philosophische Reise“ des modernen Philosophen Richard David Precht denkt, die er in seinem Buch „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“  (2007) beschreibt.

Die Frage „Wer bin ich?“ wird landläufig jedoch umgedeutet zur Frage: „Was bin ich?“ und dann antworten wir in der Regel mit unserem Beruf, unserem Familienstand, unserem Hobby oder auch einer Gemütslage.

Der Psalmbeter weist uns noch auf eine andere Dimension hin, wenn er fragt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8,5)

Für die Menschen in der Bibel war das noch selbstverständlich: Ich bin doch ein Geschöpf Gottes! Er hat mich gewollt! Er denkt an mich! Sie waren so fest davon überzeugt, dass sie noch formulieren konnten: Gott hat mich geschaffen! Und sie sagten es mit Stolz und Dankbarkeit und der tiefen Gewissheit, dass Ursprung und Ende allen Lebens in dem lebendigen Gott beschlossen sind, der auch Himmel und Erde gemacht hat und der nicht loslässt – das Werk, das er geschaffen hat!

Wozu wir da sind

Und im Epheserbrief heißt es: „Wir sind sein Werk, geschaffen in Jesus Christus, zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir darin wandeln sollen“ (Epheser 2,10). Nicht nur eine Antwort, was wir sind, sondern auch, wozu wir da sind: nämlich um in dem, was Gott in dieser Welt für uns vorbereitet hat, gut – das heißt verantwortungsbewusst und nach dem Beispiel Jesu – zu wirken und zu leben.

Wir sind „sein Werk“, seine Geschöpfe und ER, der unendliche Gott, sieht auf jeden endlichen Menschen, und er denkt an uns und hat Gutes für uns im Sinn! Von dieser Selbstverständlichkeit sind die Menschen heute weit entfernt. Das „Selbstbewusstsein“ des „aufgeklärten“ Menschen ist unendlich groß geworden! Aber auch die Fragen und Sorgen sind größer geworden, die Unsicherheit, was aus uns wird, wie es weitergehen kann.

Auch ich habe viele Fragen. Was mich persönlich darin tröstet, ist die Gewissheit, dass ich mich nicht nur meinen Eltern verdanke, sondern auch dem Gott, der mir mit dem Wochenspruch für die kommende Woche zuspricht: „So spricht der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43,1)

Bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Etwas anders beschreibt das Dietrich Bonhoeffer, der aber zu dem gleichen Ergebnis kommt:

„Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle

gelassen und heiter und fest,

wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern

frei und freundlich und klar,

als hätte ich zu gebieten.

 
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,

ich trüge die Tage des Unglücks

gleichmütig lächelnd und stolz,

wie einer, der Siegen gewohnt ist.

 
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

 
Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

 
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.

Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“
 
(in: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung, München, 2. Aufl. 1977, S.381f.)

Ihr Pfarrer Uwe Selbach

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