Wochenandacht

Die Andacht zum Wochenspruch schreibt Prädikant Klaus Dripke, ehrenamtliches Mitglied des Kreissynodalvorstands. 

„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ Jesaja 42,3 (Wochenspruch zum 12. Sonntag nach Trinitatis)

Friedrich Nietzsche schreibt in seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ (Zweiter Teil, Von den Priestern): „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“

Lässt sich diese ätzende Spottkritik so einfach von der Hand weisen? Wie sehen denn die Gesichter vieler Gottesdienstbesucher, vor allem in unseren Landeskirchen, aus? Hat sich hier nicht die Erfahrung von jahrelangem Schmerz, von bitterem Leid und von zerbrochenen Hoffnungen auch in die Gesichter eingemeißelt? Ist da nicht schon manches „Rohr zerbrochen“ und so mancher „glimmender Docht ausgelöscht“ worden?

Ist das nicht ein greller Kontrast zu den Gesichtern junger Leute, die ihre Feste feiern, ihre Partys genießen, die sich für unzerbrechlich halten und wirken, als ob sie als Kerzen an beiden Enden brennen würden?

Wer genügend Lebenserfahrung hat, weiß, dass auch diese Feierlaune nicht von Dauer sein wird. Niemandem wird die Erfahrung von geplatzten Träumen, von gescheiterten Beziehungen und von krassen Misserfolgen erspart bleiben, ganz zu schweigen von möglichen Unfällen und schweren gesundheitlichen Problemen. Scheitern ist eine Grunderfahrung unserer Existenz, der niemand aus dem Weg gehen kann.

Neuer Lebensmut nach tiefer emotionaler Krise

So viel kann in unserem Leben kaputt gehen, und viel zu viele Menschen betrachten dann das Leben nur noch als wert- und sinnlos, als etwas, dass man nur noch als Müll entsorgen kann. Wer sich zum Beispiel als junger, sportlicher Mensch das Rückgrat bricht, für den bricht tatsächlich eine ganze Welt zusammen. Die zuvor hell lodernde Flamme des Lebens erscheint mit einem Mal wie ausgepustet. Eine tiefe emotionale Krise ist zumeist unvermeidlich.

Aber häufiger als man glauben will, wächst bei vielen Betroffenen ein neuer Lebensmut, ein Wille für eine neue Zukunft, und nicht wenige können Jahre später glaubwürdig davon erzählen, dass sie seit ihrem Unglück ein anderer Mensch geworden sind: ernsthafter, einfühlsamer, existenziell tiefer empfindender als zuvor. Etwas hat sich ihnen neu aufgerichtet, was endgültig zerbrochen schien, und eine restliche Glut ist in ihnen zu neuem Leben erwacht.

Auch wenn es uns schwerfällt, in Zeiten schwerer Schicksalsschläge an die Fürsorge eines liebenden Gottes zu glauben, ist es doch empfehlenswert, unser Herz und Gemüt nicht in Härte und Bitterkeit zu verschließen.

Jesus wartet darauf, dass wir uns entscheiden

Jesus, die Person gewordene Liebe Gottes, kennt das Zerbrechen jeder Hoffnung nur allzu gut. Er wartet mit großer Geduld darauf, dass wir in unserer Verzweiflung nicht den dunklen Weg des bitteren Hasses wählen. Er wartet darauf, dass wir uns für die in uns drängende Sehnsucht entscheiden, die nach Erlösung schreit – damit er uns wirksam und nachhaltig mit seiner tröstenden Kraft antworten kann.

Vielleicht können wir dann eines Tages sogar gelassen dem verächtlichen Spott eines Nietzsche entgegentreten, weil wir dann nicht nur wissen, sondern lebendig erfahren haben, wie Erlösung und Frieden aus der Liebe Gottes heraus das Leben in einer völlig neuen Weise erfüllt.

Ihr Klaus Dripke, Nümbrecht

Kurze Adresse zu dieser Seite: https://ekgm.de/wM2